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20. April 2026

Lamalera: Das Dorf aus den Geschichten unseres Vaters

Ein Kindheitsmythos, 750 Kilometer quer über Flores, ein ausbrechender Vulkan, eine Jagd auf See und die stressigste Rückreise nach Bali, die wir je hatten.

Walschädel im Dorf Lamalera

Lamalera, bevor wir es je gesehen hatten

Lustigerweise kennen viele Indonesier das Dorf Lamalera nicht beim Namen, wissen aber, dass es diesen Ort gibt. Für uns hatte Lamalera dagegen schon immer eine ganz konkrete Bedeutung.

Unser Vater war vor über 30 Jahren dort. Als wir Kinder waren, erzählte er uns immer wieder Gute-Nacht-Geschichten aus diesem traditionellen Walfängerdorf: ein abgelegener Ort fernab vom Tourismus, an dem Menschen noch in Holzbooten aufs Meer fahren und auf traditionelle Weise jagen. Wir hatten nie ein echtes Bild davon gesehen, aber das Bild im Kopf war immer da.

2022 reisten wir mit unserem Vater zum ersten Mal nach Indonesien und besuchten Java. Wir waren damals 16, verliebten uns sofort in das Land, begannen die Sprache zu lernen und kamen 2024 nach dem Abi mit viel Zeit, Neugier und einer ziemlich gefährlichen Portion Abenteuerlust zurück.

Irgendwann, als wir in Labuan Bajo waren, kam plötzlich die Frage auf: Wie weit ist Lamalera eigentlich von hier entfernt? Vorher hatten wir nie ernsthaft darüber nachgedacht. Vielleicht, weil der Ort immer mehr nach Geschichte als nach erreichbarem Ziel klang.

Historisches Bild eines traditionellen Lamalera-Bootes auf See
Das Bild, mit dem wir aufgewachsen sind: Lamalera als Ort von Booten, Meer, Risiko und Geschichten.

Es war Anfang November und damit eigentlich nicht ideal. Die Hauptsaison für den Walfang liegt meist zwischen Mai und Ende September, wenn das Meer besonders nährstoffreich ist und mehr Meeressäuger vorbeiziehen. Trotzdem ließ uns die Idee nicht mehr los.

Also ließen wir unsere Freundinnen in Labuan Bajo, mieteten Roller und fuhren los. Mehr als 750 Kilometer Richtung Lamalera.

Das Besondere an dieser Route ist, dass man die offensichtlichen touristischen Wege verlässt. Flores öffnet sich langsam: Bergstraßen, Dörfer, Reisfelder, Vulkane, ruhige Küsten und lange Strecken, auf denen man fast allein mit der Straße ist.

  • Wae Rebo
  • Keligejo
  • Wae Belang und die Spinnennetz-Reisfelder
  • Kelimutu, der dreifarbige Vulkan
  • viele Dörfer und kleine Naturorte, die in keiner Standardroute auftauchen
Rollerreise durch Flores Landschaft auf der Überlandroute durch Flores

Nach zwei vollen Tagen auf dem Roller, von morgens bis abends, hatten wir genug. In Ende, etwa 390 Kilometer von Labuan Bajo entfernt, war es uns schlicht zu heiß, zu anstrengend und teilweise zu gefährlich geworden, weiter mit dem Zweirad zu fahren.

Also parkten wir die Roller in Ende und stiegen auf ein Bemo um, den lokalen Transportbus. Diese Entscheidung fühlte sich ungefähr fünf Minuten lang vernünftig an. Dann kam das nächste Problem.

Unterwegs mit einem lokalen Bemo auf Flores
Aus dem Rollerabenteuer wurde irgendwann ein Bemoabenteuer.

Der Vulkan, der die Route fast beendet hätte

Der Lewotobi Laki-Laki war ausgebrochen. Die Aschewolke war riesig. Flüge wurden gestrichen, sogar Bali war betroffen. Niemand konnte uns mit voller Sicherheit sagen, ob die Straße Richtung Larantuka noch passierbar war.

Wir fragten Einheimische, es wurden Telefonate geführt, und irgendwann kam die Antwort: Ja, es sollte noch möglich sein. Also fuhren wir weiter, vorbei an einer aktiven Vulkansituation, nur wenige Kilometer entfernt.

Aschiger Himmel nahe Lewotobi Laki-Laki auf Flores
Die Luft wurde grau, Pflanzen waren von Asche bedeckt und die Sicht wurde schlechter.

Ein paar Stunden später veränderte sich die Atmosphäre komplett. Die Luft wurde grau, Blätter und Pflanzen waren mit Asche überzogen, und die riesige Wolke ließ die Straße weniger nach Reise und mehr nach Nachwirkung eines Ereignisses aussehen, das noch nicht vorbei war.

Wir hielten sogar an einem großen Evakuierungscamp, wo Spenden für betroffene Dörfer gesammelt wurden. Das war einer dieser Momente, in denen eine Route sehr schnell sehr real wird. Und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass dieser Vulkan unsere Pläne veränderte.

Vulkanasche und grauer Himmel während der Flores-Überlandreise
Der Lewotobi Laki-Laki sollte unsere Reise länger begleiten, als wir dachten.

Jefri, die Jagd und der Wettlauf nach Bali

Schon in Ende suchten wir nach Unterkünften in Lamalera. Das war gar nicht so einfach. Vieles läuft dort eher über Google Maps, WhatsApp und lokale Kontakte als über perfekt gepflegte Buchungssysteme.

Ein Name fiel uns sofort auf: Jefri Bataona Homestay. Jeffrey kannten wir aus den Geschichten unseres Vaters. Damals hatte unser Vater ihn sogar dazu ermutigt, ein eigenes Homestay zu eröffnen. Also schrieben wir ihm, und tatsächlich erinnerte er sich noch an unseren Vater.

Wir verabredeten uns für zwei Tage später. Plötzlich war Lamalera nicht mehr nur ein Ort aus Gute-Nacht-Geschichten. Es war ein Dorf mit einem Menschen, der auf uns wartete.

Traditionelle Architektur im Osten von Flores Frau aus einer Community auf Flores

Die ersten zwei Tage konnten wir nicht mit aufs Meer, weil eine Hochzeit stattfand. Stattdessen verbrachten wir Zeit mit den Locals, spielten Fußball, unterhielten uns, beobachteten das Dorfleben und bekamen Einblicke in Handwerkskunst, darunter Schmuck aus Zähnen und Knochen von Meerestieren.

Lokaler Schmuck und Handwerk in Lamalera Knochen und kulturelle Details in Lamalera

Eine Jagd passiert nicht einfach, nur weil Besucher da sind. Mehrere Dinge müssen zusammenkommen: Die Fischer müssen bereit sein, das Meer muss ruhig sein, und es braucht Anzeichen von Tieren, etwa Fontänen, springende Delfine oder einfach die passende Saison.

Am dritten Tag ging es endlich hinaus. Nach Stunden auf offener See sahen wir eine riesige Delfinschule, Hunderte Tiere rund um das Boot. Ein Fang schien fast sicher, doch zwei Versuche blieben erfolglos. Ehrlich gesagt waren wir erleichtert. Den Tod eines Tieres mitzuerleben, ist nichts, was man romantisieren sollte.

Traditionelle Jagd auf See von einem Holzboot vor Lamalera
Auf dem Meer wird die Grenze zwischen Faszination und Unbehagen sehr dünn.

Auf dem Rückweg, nach Stunden in der Hitze, änderte sich innerhalb von Sekunden alles. Die Harpune wurde nach vorne gereicht und ins Wasser gestoßen. Zuerst dachten wir, es könnte ein Orca sein, so stark war die Kraft. Dann wurde klar: Es war ein großer Manta-Rochen.

Der Manta war zu groß, um ihn schnell ins Boot zu bekommen. Also musste er mehrere Kilometer bis zum Strand gezogen werden. Das verlangsamte uns so sehr, dass wir den einzigen Bus des Tages Richtung Hafenstadt Lewoleba verpassten.

Manta am Strand von Lamalera
Der Manta veränderte das Timing unserer gesamten Rückreise.

Am selben Tag, während wir auf dem Meer waren, sahen wir live den zweiten Ausbruch des Vulkans: eine riesige Aschewolke, die immer höher in den Himmel stieg. Eigentlich hätten wir bereits einen Tag früher abreisen müssen, um sicher unseren Flug von Labuan Bajo nach Bali zu erreichen, wo wir Indonesien bald verlassen mussten, weil unser Visum fast ablief. Aber Lamalera zu verlassen, ohne noch einmal draußen auf dem Meer gewesen zu sein, kam für uns nicht infrage.

Wir wussten, dass die Rückreise stressig werden könnte. Mit einem harpunierten Manta, verpasstem Bus, zweitem Vulkanausbruch und gestrichenen Flügen hatten wir nicht gerechnet.

Objektiv betrachtet ergab der Stress keinen Sinn. Aber genau daraus wurde eine unserer liebsten Geschichten.

Der nächste Morgen begann um 4:30 Uhr. Rund um die Unterkunft lagen noch die Gäste der Hochzeit vom Vorabend: einige draußen auf dem Boden, andere auf Stühlen. Die Stimmung war ruhig und fast surreal nach den Feierlichkeiten.

Jeffrey begleitete uns zum Bus und gab uns traditionelle Zigaretten für unseren Vater mit. Der Bus sollte eigentlich später fahren, fuhr an diesem Tag zu unserem Glück aber inoffiziell früher los. Wir verabschiedeten uns mit einem festen Versprechen: Irgendwann kommen wir zurück.

Gegen 10:00 Uhr nahmen wir von Lewoleba ein Speedboot nach Larantuka. Kaum angekommen, suchten wir nach einem Bemo Richtung Ende. Wegen des Vulkanausbruchs war die Straße, die wir auf dem Hinweg genommen hatten, inzwischen gesperrt. Wir mussten also einen Umweg fahren. Erst gegen 22:00 Uhr kamen wir in Ende an, genau dort, wo unsere Roller warteten.

Damit komplett zurückzufahren hätte zu lange gedauert. Also banden wir am nächsten Morgen um 6:00 Uhr unseren Roller hinten an ein Bemo und fuhren bis Ruteng. Als von dort kein weiteres Bemo mehr fuhr, blieb uns nichts anderes übrig, als die letzte Strecke wieder selbst zu fahren.

Gegen 21:00 Uhr erreichten wir schließlich Labuan Bajo, völlig erschöpft, mit genau einem Gedanken im Kopf: Pizza bei Fellas.

Wir hatten es innerhalb von zwei Tagen, mit kaum Schlaf und konstantem Druck, über mehrere Inseln zurück nach Labuan Bajo geschafft. Am nächsten Morgen wurde unser Flug wegen der Aschewolken des erneuten Vulkanausbruchs gestrichen.

Danach folgte eine weitere zweitägige Kette aus Fähre, Bemo, Reisebus, Taxis, Speedboats und noch mehr Taxis, nur um rechtzeitig in Bali anzukommen. Vier Tage lang waren wir im Schnitt etwa 19 Stunden pro Tag unterwegs, nur um in Bali zu erfahren, dass auch unser Weiterflug für den nächsten Tag gestrichen wurde. Zur Klarstellung: Bali und Lewotobi Laki-Laki trennen über 1.350 Kilometer Luftlinie.

Praktisch gesehen war ein großer Teil des Stresses also umsonst. Als Geschichte aber ist er unbezahlbar geworden. Und vielleicht wird sie irgendwann tatsächlich die perfekte Gute-Nacht-Geschichte.